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BAUTECHNIKEN

1. BOGENKONSTRUKTIONEN    Fotos [Abbildung 97], [Abbildung 102], [Abbildung 104], [Abbildung 114], [Abbildung 115]

1.1  Bögen und Entlastungsbögen mit denen Bogennischen, Torbögen, Portale und Türöffnungen, sowie Pfeilerstellungen überspannt wurden, um die Auflast des aufgehenden Mauerwerkes abzufangen. Sie haben Spannweiten zwischen 80 und 388 cm. Entlastungsbögen wurden über einem Lehrgerüst mit Schalen aus Tuffelli gemauert. Sie finden sich über Türen, die horizontal mit Sturzbalken überdeckt waren und deren Tympana mit Opus quasi reticulatum oder Opus reticulatum ausgemauert wurden79.

1.2  Scheitrechte Bögen aus Tufelli, Foto [Abbildung 100] und der geschwungene scheitrechte Bogen Foto [Abbildung 101] in der Villa sind Neuerungen in Pompeji. Sie sind eine Alternative zu den Architraven aus Werksteinen und Holzbalken. Der scheitrechte Bogen wurde in der Villa in einer ungewöhnlichen Lage angewendet. Sein Horizontalschub konnte nämlich nicht allein von dem Sarno-Pfeiler in der quer verlaufenden Mauer der N/S-Achse aufgenommen werden. Dazu war ein Zugband erforderlich. Dieses muss durch das Loch in H 300 m über NN geführt haben und dort gespannt worden sein, was eine genaue Kenntnis der Baustatik erforderte. Bei der Ausmauerung des Interkolumniums wurde das Zugband überflüssig und entfernt.

2. SÄULEN- UND PFEILERSTELLUNGEN

2.1 Aus Travertin und Nocera-Tuff hergestellte Säulen- und Pfeiler-Ordnungen im dorisch-tuskanischen Stil, Foto [Abbildung 100], [Abbildung 111]. Sie stehen auf einem Sockel oder auf Einzelfundamenten. Die Säulentrommeln im EG haben einen D von 1,5 osk.' bei L 70-150 cm, die OG-Fragmente mit D von 1 osk.' haben die L von 20-85 cm, die Pfeiler haben Abmessungen von 1,5 und 2 osk.'im Quadrat mit L der Werkstücke von 31-164 cm. Säulen bzw. Pfeiler verjüngen sich zum Kapitell um 1-2 cm (Tafel 31, S3 [Abbildung 14]). Das Epistyl bestand im EG des Peristyls aus Holzbalken mit aufgehendem Mauerwerk in Opus incertum sowie aufgestuckten Profilen und Gesimsen  [Abbildung 69] Detail P8. Im OG des Peristyls  [Abbildung 69], [Abbildung 70] Details W1 und W2, war das Epistyl aus Nocera-Tuff80.

2.2 Gemauerte und gestuckte Säulen 81mit Kernen aus segmentförmig geschnittenen Ziegeln von D von 1,5-2 röm.'. Darauf sind zunächst 20 Kanneluren gestuckt und anschließend Sockel, Torus, Abacus und Echinus in Stuck angearbeitet. Foto [Abbildung 99]

2.3 Säulen in gemischten Mauertechniken. Trommeln mit H von ca.30 cm und D 1 röm.' die abwechselnd aus Opus reticulatum und Opus testaceum gemauert wurden. Sie waren mit rohem Kalkputz versehen82. Foto [Abbildung 149]

3. TÜREN, FENSTER  [Abbildung 77]

Die Türen des Atriums hatten eine attische Ordnung. Sie sahen vermutlich wie in der Dekoration der N-Wand von Raum 629-630 (Maiuri, VdM31, 194 Fig.81, Oecus 6) aus und hatten Bekleidungen, sowie überstehende Sturz- und Simsbretter. Die Ankerlöcher zeichnen sich an Entlastungsbögen und Leibungen ab. Ein Abguss der Türflügel des NO-Portals II zeigt umlaufende Rahmen und einen nach dem goldenen Schnitt geteilten Mittel-Rahmen. In den Rahmen sind glatte Füllungen mit Leisten befestigt, die Stützrahmen hatten Deckleisten aus zusammengesetzten Profilen. Die B der Bekleidungen lässt sich mit ca.18 cm durch den Abstand der Putzkante errechnen. Die Türflügel hatten eine B von 2' und waren mit Bronze-Scharnieren verbunden. Bei dreiflügeligen Türen bzw. Fenstern war der Mittel-Flügel in H der jeweiligen Horizontal-Rahmen mit Scharnieren befestigt. Die Flügel sassen mit Bronze-Zapfen in Bronze-Lagern von D 6-10 cm. Bei mehrflügeligen Türen wurden Löcher für Verriegelungen aus der Schwelle ausgearbeitet. Im Grabungsbericht wurden die zahlreich aufgefundenen Bronze-Beschläge inventarisiert.

4. TÜRSCHWELLEN UND FENSTERBÄNKE  [Abbildung 78]-[Abbildung 87]

Schwellen und Stufen sind aus Travertin, Basalt oder Marmor. Fensterbänke sind aus weißem Marmor. Bei L über 120 cm wurden die Werksteine geteilt.

4.1 Türschwellen: Travertin SCH2-9, 12-13,15-18, 20-44, 49, 53, 55, 58-61.
                                     Basalt SCH1, 14, 19, 51, 54, 62-67.
                                     Marmor SCH11, 45-48, 50, 52-53, 56-57.
4.2 Fensterbänke: Marmor B 1-7.
 

5. WANDDEKORATIONEN 83 .

5.1 Dekorationen im II.Stil mit nilotischen Landschafts- Szenen, Stein- und Stuck-Imitationen,
                                            Architekturmotiven, figürlichen Darstellungen und Megalographien.

5.2 Dekorationen im III.Stil mit ägyptisierenden Motiven und Vignetten im Mittelfeld.

5.3 Dekorationen im IV.Stil.

6. STUCKGESIMSE 84Fotos 37-40 [Abbildung 73]-[Abbildung 75]

 

In Verbindung mit den Wanddekoration treten Stuckgesimse aus zusammengesetzten Profilen nach Vorbildern aus Süditalien auf. Sie bilden Architekturgesimse an Traufen, Gliederungselemente von Wänden, Abschlussprofile der Dekorationen an Kehlen und Kanten von abgehängten Stuckdecken.

Als Gliederungselemente und Traufen haben die Gesimse einen mit auskragenden Ziegeln gemauerten Kern, der mit Profilen aus Stuck überzogen ist. Als Profile für die reichen, bis auf 17 cm vorspringenden Gesimse, Kehlen und Kanten von abgehängten Stuckdecken und Wänden mit Dekorationen treten zusammengesetzte Formen von Kymatia, Abtreppungen, Hohlkehlen, Zahnleisten u.a. auf, wie sie ähnlich in anderen Häusern von Pompeji anzutreffen sind85.

Zuerst wurden die Gesimse montiert, sodann die Stuck-Kappen hergestellt und dann der Wandputz angebracht. Dabei wurden die Kämpfer der Bogen über dem Hauptraum eines Cubiculums höher angesetzt als die Scheitel der Bögen über den Alkoven.

7. FUSSBÖDEN

 

7.1 Gruppe 1. Travertinmosaik mit weißen Steinsplittern und Zugaben aus bunten Steinen mit Friesbändern. Fotos 33, 36 [Abbildung 122], [Abbildung 125]

Das Material wird definiert als Marmor oder marmorähnlicher Travertin von weißen, meist rechteckigen Steinchen, die fest aneinander gefügt, oft als Paare oder zu mehreren nebeneinander liegen und nicht wie Signinum eingewalzt, sondern von Hand verlegt wurden. Die Fussböden haben meist einen umlaufenden Fries von B 17 cm, der durch einen Streifen mit 3 weißen Tessellae abgesetzt ist. Im Feld wurden polychrome, polygonale Fragmente nach einer im grossen und ganzen diagonalen Ordnung eingelegt 86.

7.2 Gruppe 2. Travertinmosaik aus Tessellae, Steinsplittern und bunten Steinen mit Friesbändern, Fotos [Abbildung 123], [Abbildung 124]

7.3 Gruppe 3. Ziegelsignina, teilweise aus bunten Steinen mit umlaufenden Friesen, Foto [Abbildung 133]

Der farbige Ziegelgrund wurde durch eingewalzte Splitter getönt und bunte Steine ergänzt. Diese bilden auch das Material für die Friesbänder von B 40 cm im Peristyl, mit Ausnahme der S/SO-Seite der Gänge, wo sie fehlen. Die D gibt Maiuri mit etwa 30 cm an. Das Material hat von Raum zu Raum unterschiedliche farbige Grundtönungen von schwarz, schwarz/braun und weiß, sowie polychrome Zuschlagstoffe in verschiedener G. Die Flächen sind in Friese und Felder geteilt.

7.4 Gruppe 4. Mosaik mit umlaufenden Friesen und Vorlegern aus bunten Tessellae, Fotos [Abbildung 126], [Abbildung 127], [Abbildung 128], [Abbildung 133],.[Abbildung 134]

Die Muster weisen eine grosse Vielfalt von geometrischen Formen wie Vier- und Dreiecken, Rhomben, Mäandern und Parallelogrammen auf.

7.5 Gruppe 5. Schwarzweiß-Mosaik mit umlaufenden Friesen, Foto [Abbildung 124], [Abbildung 125], [Abbildung 133], [Abbildung 134]

Vorleger aus geometrischen und vegetabilen Ornamenten. Fussböden mit schwarzem oder weißem Grundton aus entsprechenden Tessellae mit Rahmen. Dabei unterscheiden sich Fussböden mit ca. 1/1 cm und 5/5 mm grossen Tessellae.

7.6 Opus segmentatum. Fussbodenbelag aus Travertin-Platten und farbigen Leisten (Triclinium 627)86

7.7 Opus polygonale. Fussboden-Platten aus kristallinemBasalt in G 30x50-50x100 cm in polygonaler Anordnung, Foto [Abbildung 95]

7.8 Opus spiccatum 87. Fussbodenbelag aus Ziegeln mit Fischgrätenmuster, Foto [Abbildung 143]

8. RAUMDECKEN.

8.1 Abgehängte Stuckdecken.

Alkoven und kleine Nebenräume wurden mit abgehängten Stuckdecken in Form von Bogengewölben versehen, um die Proportion der Räume zu wahren. Zu diesem Zweck wurden über der geplanten Wölbung grosse Balken verlegt, oder Balken des Dachstuhles verwendet, um daran Tragbalken entlang des Bogens der Wölbung zu befestigen, an denen die Schilfmatten zur Aufnahme der verschiedenen Putzschichten befestigt waren. Beispiele finden sich in den Cubicula 620, 632, 611, den Räumen 608, 617-619 sowie den Gängen 616, 623, 603, 631, 503 und 51888.

8.2 Horizontale Decken.

Der obere Abschluss der Wanddekoration grosser Säle der Bauphase I war horizontal und lag bei ca.520 cm (Räume 608, 607, 624). Es kann davon ausgegangen werden, dass horizontale Holzbalkendecken in H UK Dachstuhl vorhanden waren.

Balkenfelder mit breiten Abständen könnten als Kasetten ausgebildet gewesen sein, solche mit kleinen Abständen von 30 cm waren mit Brettern verschalt (Beispiel Porticus 717).

9. DACHKONSTRUKTIONEN.

Leider sind die in situ gefundenen Dächer von den Ausgräbern nicht eingemessen worden. Die Form der Dächer lässt sich aber rekonstruieren ([Abbildung 58])

Das tragende Mauerwerk war im allgemeinen in H über 500 cm eingestürzt oder wurde von den Ausgräbern abgetragen, um neue Dächer zu errichten und die Mauerkronen zu sichern. Es gab jedoch einzelne originale Mauerreste im Bereich des Atriums, die bis in H von 8 m erhalten und an der Oberfläche auch nach der Verschüttung sichtbar gewesen sein müssen.

Für das Atrium errechnet sich nach Vitruv89die H des Firstkragens aus der B. Sie beträgt bei einem Achsmass von 30 osk.' 8,25 m. Für die Dachkonstruktion sind davon ein Viertel anzunehmen und in der Tat liegt das Gesims bei 4,10 m.

Setzt man für die H des Kragens um das Dach des Atriums 75 cm an, so ergibt sich für den Ortgang der umgebenden Dächer und den First des 2-geschossigen Peristyl eine H von 7,50 m. Maiuri hat das Atrium jedoch nur mit einer gesamten H von 7,50 m neu errichten lassen.

Aus der erhaltenen Säulenordnung des Peristyls ergibt sich bei einer Dachneigung von 15-25 Grad über dem breiten N-Peristylgang ebenfalls die Firsthöhe von 7,50 m. Diese H war auch für die Überdachung der 9 und 11 m breiten N-und S-Gänge des Peristyls notwendig.

Die Firsthöhe des tuscanischen Atriolums und des Daches über der Küche mit B/H von 7,50 m, sowie die H der Räume des Hauptbaues mit 5,20 m bei einer B der N- bzw. S-Flügel von 7,60 und 8,40 m entsprach auch diesem Mass.

Die Traufe der Portiken lag vermutlich bei 3,80 m. Bei einer Dachneigung von 15 Grad ergab sich die H des Ortganges mit 4,70 m und des Kragens unter der Traufe des Hauptbaues mit 50 cm.

Sparrenabstände von 2 osk.'und die B der Dachziegel von 50 cm bedingten sich gegenseitig. Bei einer B der Sparren von 12-15 cm ergab sich auch der Zwischenraum für 1,5 osk.' dicke Mauern. Die vorgefundenen Dachziegel lassen sich in das osk. Mass-System einordnen. Die Dachstühle müssen jedoch nach dem Erdbeben erneuert worden sein. Dabei wurden offenbar auch in späterer Zeit die einmal gewählte G der Ziegel und die Sparrenabstände im osk. Mass beibehalten, da keine Dachziegel im röm. Mass gefunden wurden.