ARCHITEKTUR
Der Bauherr wählte für sein Projekt einen Architekten aus, der es verstand, nach den Regeln der Baukunst107und dem Architektur-Repertoire seiner Zeit einen meisterhaften Entwurf zu fertigen. Motive für seine Aufgabe konnte er bei zahlreichen Architekturbeispielen finden. So ist der Unterbau der Villa mit den Plattformen makedonischer Paläste und den Substruktionen von italischen Terassenbauten zu vergleichen.108Cicero nennt in einem Brief an seinen Bruder Quintus eine solche Substruktion >basis villa< (ad Qu.fr.III 1,5). Kraus stellt fest, daß sie zum festen Bestandteil einer Villa am Hang gehört.109
Die Architektur der Portiken und des 2-geschossigen Peristyls in der Villa ähnelt den Säulengängen der Porticus im Tempel des Apollo, den 2-geschossigen Umgängen des Forums oder den Peristylen in der Casa del Centenario IX 8.6 und der Casa del Fauno VI 12.2.
Die Kombination des Atriums im Hauptgebäude mit dem benachbarte Atriolum folgte den Vorbildern grosser urbaner pompejanischer Häuser, bei denen mehrere Grundstücke zu einem herrschaftlichen Anwesen vereinigt wurden.110Wo kanonisch die Alae lagen, sind in der Villa Gänge zu den Portiken angeordnet.
Grundriss und Aufrisse der Villa zeigen ein deutlich ablesbares Entwurfschema wie dies Vitruv I.2.2 mit Ichnographia, Orthographia und Scenographia fordert [Abbildung 59]. Der Plan beachtete ferner die gebräuchlichen ästhetischen Grundbegriffe der Baukunst und die Regeln für die Anlage von Räumen nach der sozialen Stellung der Benutzer. Ferner die Zuordnung und Dimensionierung von privaten und allgemein zugänglichen Bereichen oder von Funktionsräumen wie Küche, Bad und landwirtschaftlichen Räumen.111
Dem Plan ist wie im Städte- und Kastell-Bau mit Cardo und Decumanus ein Achsenkreuz eingeschrieben, das die Villa in O/W-Richtung in zwei fast symmetrische Hälften und in N/S-Richtung in zwei Funktionsbereiche teilt. Die Funktionsbereiche umfassen in der W-Hälfte eine Plattform über einer U-förmigen Cryptoporticus. Darüber liegt das Hauptgebäude mit den Raumgruppen des Atriums, seinen Nebenräumen und Portiken. Die O-Hälfte wird von einem 2-gesch.Peristylhof, einem Eingangsbereich und flankierenden Nebenraumgruppen im N und S bestimmt.