BAUDURCHFÜHRUNG
Das Entwurfsschema diente jedoch nur der Zuordnung und Einteilung der unterschiedlichen Bereiche und Bauteile. Bei der Bauausführung wurde das Schema den realen Erfordernissen flexibel angepasst. So zeigen sich schon im Rohbau Achsverschiebungen, Raumteilungen und zugemauerte Portale.
Achsverschiebungen erfolgten z.B. mit der Verbreiterung der S-Hälfte des Hauptgebäudes um ca.4' (104 cm), bei gleichzeitigem Einrücken der S-Wand des Peristyls um 234 cm nach N in das Hauptgebäude mit Verbreiterung des Atriolum/Balneum/Küchenbereiches und dem Einrücken des Tablinums. Heute wäre das Ausschneiden der Gebäudeecke des Hauptbaues ein Verstoss gegen die Regeln der Baukunst. Auch damals hat dies den Nachteil einer impluvialen Rinne und einer Kehle im Dachstuhl bedingt.113Die Massnahme lässt sich nur mit der Notwendigkeit der Verbreiterungen des S-Flügels im Hauptgebäude für das Triclinium mit dem Mysterien-Fries und des Atriolums mit Balneum und Küche begründen.
Raumteilungen wurden im Zuge des Rohbaus vorgenommen, nachdem zunächst die Hauptfluchten des Mauerwerkes errichtet waren. Dann erst wurden Trennwände für Unterteilungen eingezogen. Sie wurden meist ohne Einbindung stumpf auf die Querwand und in anderen Fällen sogar in die bereits angelegten Portale gesetzt. In den Wänden wurden die für notwendig gehaltenen Portale und Türen angelegt. Dann wurden die Natursteine verfugt, Scheintüren zugemauert, Stuckprofile und abgehängte Stuckdecken angetragen, sowie die Fussböden verlegt. Zuletzt folgte der Verputz der Wände mit weissem Kalk- bzw. Feinputz und das Auftragen der Dekorationen.
Bei den Portalen die beim Rohbau angelegt, im weiteren Ausbau aber zugemauert handelt es sich auch um dasjenige zwischen Laconicum und Apodyterium und ein weiteres auf der Mittelachse der großen N-Porticus vom N-Oecus 410 zum Peristyl, wo statt dessen zwei Portale in den Ecken angelegt wurden.
Vor allem im Atrium wurden einige Portale als Scheintüren mit Futter, Bekleidung, Türflügeln und Schwellen versehen, aber vor dem Wandverputz und der Dekoration im II.Stil zugemauert. Dies betrifft die Portale IV, V, VIII, X und XIV. So wurde die innere Symmetrie des Atriums erhalten. Die Portale IV, V und XIV sind auf den Rückseiten mit Dekorationen II.Stils versehen. Im Falle des Portals V, das in den grossen S-Oecus 629-630 führte, war der Grund für die Schliessung wohl die Rücksicht auf die Massverhältnisse der Dekorationen des im Verhältnis zum Atrium kleineren Oecus und seine Möblierung mit Klinen.
Das Portal VIII wurde zugemauert, um die Trennwand zwischen Tablinum und Alkoven/Wandschrank/Mauerecke aufzunehmen. Portal X wurde auf die B des S-Flügels mit der Trennwand zwischen Tablinum/W-Gang zugemauert, dabei der S-Flügel festgestellt und nur der N-Flügel als Durchgang geöffnet. Das Mittel-Portal IX war wie Portal I ausgeführt. Beide Portale blieben wahrscheinlich tagsüber offen, um die Blickachse nicht zu unterbrechen, die sich auch in der 350 cm hohen W-Tür des Tablinums fortsetzte. Portal IX wurde erst beim sekundären Umbau des Tablinums beseitigt und die Portale XI sowie XIII erst nach dem Erdbeben geschlossen.
Es fällt auf, dass die Leibungen der Bogenportale vielfach nur bis auf eine H von 100 bis 150 cm in Sarno-Kalkstein angelegt sind, darüber aber in Nocera-Tuff weitergeführt wurden. Der Materialwechsel kann auf einem Ende der Sarno-Kalkstein-Vorräte oder auf den steigenden Import von Tuffstein-Blöcken aus Nocera beruhen.
An den Sarno/Tuff-Leibungen der Öffnungen treten im gesamten Bereich der Villa unter der Dekoration II.Stils am Rohbau kittartige scharfkantige Verfugungen von B 10-12 und H 1-2 mm auf, die im allgemeinen die natürlichen Fugen der Quader und Tuffelli nachzeichnen, Foto [Abbildung 150], [Abbildung 151]. In einzelnen Fällen reichen die Fugen bis in das angrenzende Mauerwerk aus Opus quasi reticulatum hinein.
Die Verfugung des Naturstein-Mauerwerkes im Rohbau ist kaum als Zeichen einer isolierten Bauphase zu sehen. Vielmehr kann davon ausgegangen werden, dass beim Aufgeben der Technik eines von Steinmetzen hergestellten Opus quadratum mit seinen feinen Fugen, der alte Qualitätsanspruch an eine glatte Oberfläche fortbestand. Bei Einführung der Technik des mit breiten Fugen vom Maurer errichteten Naturstein-Mauerwerkes wurde dann aus ästhetischen Gründen eine Verfugung auf den Rohbau aufgebracht.