STÄDTEBAU
Angesichts der Geschichte Pompejis von der Stadtgründung bis zum Ende der Republik, muss die isolierte Anlage der Villa dei Misteri ausserhalb der Stadtmauern, vor dem Herkulaner Tor zunächst Überraschung auslösen. Denn von Anfang an entwickelte sich die Stadt von der Urbs quadrata des VII.Jh.v., der Erweiterung des VI.Jh.v. mit Einbeziehung des Forum triangolare im O, des Bereiches bis zur Porta marina im W und dem Bau der Neustadt streng innerhalb der Befestigungsanlagen95.
Niemand konnte es wagen, in Zeiten ständiger Kriege seine Existenz und seinen Besitz ungeschützt ausserhalb der Mauern zu riskieren, abgesehen vielleicht von Landleuten, die sich im Krieg hinter die sicheren Mauern der Städte flüchten konnten. Erst die Einbeziehung der Stadt in das römische Imperium mit den Segnungen der Pax romana konnte Gefühle einer vermeintlichen Sicherheit begründen.
Sulla hatte 89v. Pompeji belagert und von NW her angegriffen, es aber offenbar nicht eingenommen.96An der Villa konnten keine Spuren von Einwirkungen gefunden werden, die auf die Belagerung schliessen lassen. Bei der Rückkehr Sullas aus dem Krieg gegen Mithridates wurde 80v. die Colonia Cornelia Veneria Pompejanorum gegründet mit dem Neffen des Diktators, Publius Cornelius Sulla, als Deductor. 70v. fand der erste Census statt, nach dem M.Porcius und C.Quinctius Valgus als die ersten Duumvirn quinquiennales von 70-65v. eingesetzt wurden.97In ihrer Amtszeit erbauten sie u.a. das Amphitheater ausweislich der dort angebrachten Inschrift-Tafeln.98
Viele der Veteranen mögen Häuser oder Grundstücke gefunden haben, die von ihren Bewohnern verlassen oder enteignet worden waren. Eine grosse Zahl muss sich aber, wie die Vielzahl der Überreste von Villae rusticae zeigen, auf dem späteren Pagus Augustus Felix Suburbanus im NW der Stadt niedergelassen haben.
Die Lage der Villen demonstrierte ein neues politisches Programm und einen neuen Lebensstil. Politisch insofern, als hier Vertreter einer neuen herrschenden Schicht und die führenden Persönlichkeiten der neuen Ära mit grossem Selbstvertrauen glaubten, ausserhalb der Mauern siedeln zu können, Einen neuen Lebensstil, weil die Villa mit ihrer Architektur in der offenen Landschaft ein neues Selbstbewustsein zur Schau stellte, mit dem sie sich massvoll von der strengen Ordnung und den Regeln der engen oskischen Stadt befreite. Denn die Plattform der Villa mit Wolfsaugen wie Schießscharten in den Bogennischen und die fast geschlossene Fassade zur Via Superior weckten durchaus noch den Ausdruck von Wehrhaftigkeit, wie sie der Realität der Zeit auch angemessen war, man denke nur an den Spartacus-Aufstand 71v.
Bei der Vergabe des Grundstückes wurde vermutlich eine neue Limitation berücksichtigt, die sich in der direkten Nachbarschaft der Stadt deutlich abzeichnet. Nach Donceel gibt es im pompejanischen Territorium genügend Spuren von Landteilungen aus sullanischer Zeit.99Diese Limitation ist allerdings noch nicht anhand von Grenzsteinen festgestellt worden, sie zeigt sich aber in der Einhaltung verschiedener Fluchtlinien, wobei Verschiebungen durch die tektonischen Veränderungen während des Vesuvausbruches möglich sind.
Ein Blick auf den detaillierten Übersichtsplan des CTP100läßt für das Gelände zwischen der >Diomedes-Villa< und der VdM deutliche Anzeichen einer Ordnung erkennen. Bei einem Grenzabstand von 30 osk' ergibt sich nämlich für die Villa dei Misteri ein Grundstück mit der Grösse eines Herediums von 240 osk' im Quadrat. Der Plan zeigt das Ordinatensystem der Stadt und der Villa bezogen auf N. Die Via Marina (Decumanus) und die W/O-Achse der Villa liegen parallel mit ca.60 Grad NO. Das ist die Richtung des Sonnenaufganges zur Sommersonnenwende.
Verlängert man die W-Front der VdM bis zur >Diomedes-Villa<, so passt sich diese ebenso in das Raster der Heredia ein. Auch der Schnittpunkt der Strassenachse der Via dei Sepolcri in der Mitte zwischen den beiden Villen liegt auf diesem Raster. Da dort keine anderen baulichen Anlagen zu erkennen sind, wird die Front des Grundstücks der Villa dei Misteri wohl 3 x 240 osk' (198 m) betragen haben. Offenbar hatten die Besitzer der grossen Villen mehrere Heredia zugeteilt bekommen oder aufgekauft. Die Vorderkanten der VdM und der >Diomedes-Villa< sowie die Grundstücksgrenzen nach W liegen auf einer Flucht.
Ihr Abstand voneinander und der Schnittpunkt mit der Achse der Via dei Sepolcri halten sich auch an dieses Raster, ebenso der Schnittpunkt der Achse der Via Superior mit der O/W-Achse der Villa. Ob sich das Grundstück nach W bis zur früheren nahen Küstenlinie ausdehnte, kann erst eine spätere Grabung klären.
Die Orientierung der Limitation der Villa dei Misteri vor der Porta di Ercolano und der Stadt sind identisch. Dem quadratischen Gesamtumriss der Villa ist wie bei einer Stadt- oder Kastellgründung ein Achsenkreuz eingeschrieben. Die Entfernung des Schnittpunktes ihrer Hauptachsen zum Mittelpunkt der Stadt beträgt auf der Luftlinie gemessen 821 m. Von der Porta di Ercolano aus ist die Distanz 368 m.
Der Mittelpunkt der Stadt liegt nach Eschebach in der SO-Ecke des Forum civile.101Der Schnittpunkt der Via Marina mit der Via del Foro hat die Position 40 Grad 44' 55''N und 13 Grad 29' 08''O. Dies ist der Ausgangspunkt für die Ausrichtung ihres Achsensystems nach dem Punkt des Sonnenaufganges zur Sommersonnenwende. Das bestätigte auch die Berechnung mit dem Sun-Angle Calculator von Libby102und meine persönliche Nachprüfung in der Villa etwa 6 Uhr morgens.
Der Winkel des Punktes des Sonnenaufganges mit dem Decumanus der Stadtgründung des VII.Jh.v. beträgt ca.60 Grad NO. Erst bei der Neugestaltung des Forums in der Tuff-Periode des II.Jh.v. wurde die Richtung des Decumanus um 3 Grad auf 63 Grad erweitert. Die Technik der Orientierung war in der Antike bekannt, sie war mit dem Gnomon überall und einfach anzuwenden.103
Die Beachtung der Regeln für die Orientierung, wie sie Vitruv, De Architectura, I.4 und I.6 beschrieb war im Städtebau der Antike im Hinblick auf die klimatischen Verhältnisse für die Auswahl gesunder Plätze oder die Ausrichtung von Strassenzügen so wichtig wie für jedes allein stehende Bauwerk etwa von der Art der Villa. Mit der Einhaltung dieser Regeln verfügte der Architekt über einen umfangreichen Fundus tradierter Regeln, die ein optimales Werk garantierten.
Der Zusammenhang des Grabungsgebietes vor der Porta Ercolano endet auf der N-Seite der Via dei Sepolcri nach der von Gassner beschriebenen Ladenzeile 16-30104, sowie den von Kockel beschriebenen Gräbern 31-32. Die Gräber wurden, wie z.B. das Girlandengrab als das Älteste von ihnen, erst nach Errichtung der sullanischen Kolonie erstellt. Von der Gabelung vor der Diomedes-Villa führte die Via dei sepolcri erst in der Mitte des I.Jhd.v. an der Schauseite der Villa entlang hinab zum Meer.105Die Strassen wurden erst nach ca.50v. mit Pflaster versehen.
Die Villa dei Misteri liegt unterhalb der Uferstrasse entlang der Küste des Sinus Cumanus nach Neapolis in NW-Richtung vor den Mauern der Stadt Pompeji. Diese Strasse führte auf der Trasse der Via superior unter einem Winkel von etwa 20 Grad vor dem Haupteingang entlang. Während die Via superior nur mit einem Gefälle von etwa 2% entlang der Höhenlinien der Küste lief, führte die verlängerte Via dei sepolcri mit einer Neigung von 8% zum Hafenkanal.
Das Grundstück der Villa lag nur wenige Meter über dem damaligen Meeresspiegel in einer hervorragenden landschaftlichen und strategischen Position. Von hier hatte sein Besitzer einen guten Ausblick über das Meer und die Bergketten des Monte Faito , auf die Tore der Stadt und den Vesuv. Das Grundstück fällt auf 50m etwa 5m, also mit 10% nach W zum Meer hin ab. Die NN-H des Atrium-Fussbodens liegt heute 25,42 m über dem Meeresspiegel und nur wenig niedriger als die Diomedes-Villa< mit 26,60 m. Dies war nicht immer so, denn der antike Meeresspiegel muss, wie Eschebach, Städtebau106darlegt, etwa bei der heutigen 17 m Höhenlinie gelegen haben, d.h. die Villa lag bis zu den Katastrophen der Jahre 62n. und 79n. nur etwa 8 m über dem damaligen Meeresspiegel. Ein Hafenkanal soll bis dicht an den Fuss der Insula occidentalis und der Villa dei Misteri geführt haben. Später soll sich vor der Porta Ercolano (Porta saliniensis) ein Sumpf gebildet haben.